Doppelt Dreifach alarmiert

23. April 2017

Mein beruflicher Kontakt zu den „Blaulicht-Organisationen“ hat sich seit der Ausbildung zum Notfallseelsorger spürbar intensiviert. Jüngst haben wir binnen weniger Wochen auch privat nachgelegt.

Episode 1

Gemeinsam geht’s in den Wald – Tochter und Sohn auf Laufrädern, zunächst hochmotiviert. Als Lust und Energie schlagartig sinken, lassen wir die Gefährte an einer Kreuzung zurück – säuberlich an einen Baum gelehnt –, um das nächste Stück Weg zu Fuß zurückzulegen.

Als wir eine halbe Stunde später zurückkommen, stoßen wir auf ein wild gestikulierendes Spaziergänger-Trio. Welches die verwaisten Räder entdeckt, sorgenvoll die nähere Umgebung abgesucht, andere Passanten befragt … und nun bereits die Polizei verständigt hat. Die lässt sich glücklicherweise gleich wieder abbestellen (ob sie überhaupt vorbeigeschaut hätte?!).

Wir stehen Rede und Antwort, zeigen Verständnis, bleiben dann aber doch etwas ratlos. Soll ab sofort ein einlaminierter erklärender Zettel mit ins Gepäck? „Hier geschah kein Verbrechen – gehen Sie gelassen weiter …“

Episode 2

Frau (auf Fahrrad) und Sohn (auf Laufrad, aber nicht weniger flott) brechen Richtung Kindergarten auf, um Tochter abzuholen. Nach wenigen Metern wird meine Frau Zeugin eines heftigen Treppensturzes einer Nachbarin. Sie alarmiert sofort den Rettungsdienst. Sohn hat von dem Vorfall nichts mitbekommen und setzt seine Fahrt seelenruhig (aber flott) fort.

Ich werde dazugerufen, kann unseren Sohn aber auf die Schnelle nicht ausfindig machen. Nach einem besorgten Blick auf die benachbarte Hauptstraße – dort tönt bereits das Martinshorn – beschließe ich, den Weg zum Kindergarten abzufahren. Ohne Erfolg. Eine Erzieherin bringt die ob meiner Verspätung verstimmte Tochter nach Hause – ich melde mich bei der Polizei. Die erfahrene Beamtin empfiehlt uns Aufgabenteilung: Eine/r sucht, eine/r bleibt zu Hause …

Zurück am Ort des Geschehens – der Rettungseinsatz ist schon erfolgreich abgeschlossen – riskiere ich nochmal einen Gang Richtung Hauptstraße. Und finde unseren Sohn plötzlich … vor dem Eingang zum Bäcker. Dort wartet er fröhlich auf Mama – in Erwartung der Brezel, die ihm kurz vorher noch in Aussicht gestellt wurde, und begeistert vom Anblick des unweit parkenden „Dadidada“ …

Sinnfreie Aufgabe

10. Februar 2017

… machen wir regelmäßig. Und kommen immer nur auf: Eins. :-/

Mühevoll

5. Januar 2017

Das Gottesbild, mit dem ich erzogen wurde, sah so aus: Gott ist ein zorniger Wüterich mit einem perfekten Überwachungssystem, der seinen kleinen Jungen (den einzigen, den er hatte) schickten musste, damit er leidet und stirbt, weil ich so böse war. Die gute Nachricht aber war, dass ich, wenn ich diese Geschichte glaubte und mir dann wirklich Mühe gab, gut zu sein, nach meinem Tod in den Himmel kommen würde, wo ich in einem goldenen bewachten Wohnviertel mit Gott und all den anderen Menschen leben würde, die dasselbe glaubten und taten wie ich.

Nadia Bolz-Weberauf ihre Weise auch eine Freischwimmerin – in einem sehr persönlichen Buch. Das deshalb – was die Struktur angeht – auch gerne etwas konfus daherkommen mag.

Gnadenlos ins neue Jahr?

31. Dezember 2016

… ich kann mir appetitlichere Perspektiven vorstellen. Und wünsche allen Leser/-innen ein gnädiges 2017!

Zeit zum Aufstehen

15. Dezember 2016

Von einem Freund kam der interessante Hinweis: Die revidierte Luther-Übersetzung 2017 macht dem ausgegebenen Ziel der stärkeren »Treue gegenüber dem Ausgangstext« alle Ehre – und übersetzt die an gleich sechs Stellen im Alten Testament gewählte anschauliche hebräische Umschreibung für das »starke« Geschlecht nun (wieder) wortwörtlich: Männlich ist dort, »was/wer an die Wand pisst«.

Mich freut das schlicht aus sprachlich-ästhetischen Gründen. Für den (auch bei anderen Themen theologisch indiskutablen) Kollegen Steven Anderson könnte es ein ernsthafter Beitrag zur theologischen Rehabilitierung Deutschlands werden.

Einmalig

22. November 2016

Eine führte eine Gaststätte.

Einer schreinerte Stühle.

Eine schneiderte Nelken.

Einer sagte: „Geht nicht gibt’s nicht.“

Eine gewann regelmäßig den Blumenschmuckwettbewerb.

Eine mochte es mediterran im Garten.

Eine genoss das gemeinsame Kaffeetrinken.

Eine servierte Dampfnudeln und angebratene Paprika.

Eine kochte für ihre Fußballer-Männer.

Eine war mit Walking-Stöcken unterwegs.

Eine reiste mit Auto, Wohnwagen und Boot.

Einer schrieb seine Motorrad-Kilometer auf.

Eine kochte auch für die Katzen mit.

Eine nahm verletzte Tiere bei sich auf.

Eine küsste ihren Mann schon mit 15.

Eine traf regelmäßig Landesminister.

Eine liebte den geschmückten Christbaum.

Eine leitete Bibelstunden.

Eine war katholisch und lebte evangelisch.

Eine wurde 101.

Eine bekam Briefe mit ins Grab.

Manche machten sich keine Sorgen. Manche hatten Angst.

Manche waren alt und lebenssatt. Manche hatten noch viel vor.

Manche verabschiedeten sich. Manche gingen einfach so.

Sie alle waren und sind geliebt.

Sie alle waren und sind einmalig.

Impuls zu den Verstorbenen aus dem vergangenen Kirchenjahr, vorgetragen im Gottesdienst am Sonntag, 20. November 2016 – Ewigkeitssonntag – um 10.00 Uhr in der Peterskirche Murr.

… inspiriert durch Birgit Mattausch und Simon de Vries – danke!

Plakativer Dialog

3. November 2016

… neulich in der S-Bahn, von Wand zu Wand.

Willkommen

17. September 2016

Was genau macht die Gottesdienste einer Kirchengemeinde einladend? Ist das eine Frage von »technischen« Details oder eher von Atmosphäre und Haltung? In der Protestantse Gemeente (te) Enkhuizen stimmt(e) jedenfalls beides.

Die Internetseite verriet ziemlich unkompliziert Termine und Uhrzeiten, über einen kleinen Umweg ließ sich auch der Ort herausfinden. Beide Informationen hätte uns auch der große Schaukasten vor der Zuiderkerk präsentiert (zum Vergleich: rund um die Kirche im Ort unserer Ferienunterkunft gab es dieses Medium nicht einmal …).

Natürlich kamen wir trotzdem ein, zwei Minuten zu spät. Und wurden trotzdem ebenso wertschätzend wie unaufgeregt wahrgenommen. Mit Gesangbüchern und – pünktlich zur Predigt – einem komplett ausgestatteten Kinder-Maltisch versorgt. Anschließend auch bei Kaffee und Keksen willkommen geheißen. Und das nicht nur von Schlüsselpersonen wie Pfarrer oder Mesnerin, sondern eben auch von »ganz normalen« Christenmenschen.

Dass Niederländisch und Deutsch so ähnlich klingen, hat die Verständigung zusätzlich leicht(er) gemacht, keine Frage. Aber da war gewiss auch der Heilige Geist in Bestform. Der genügend Raum hat(te) in der Enkhuizener Zuiderkerk.

Echter Schmerz

19. August 2016

Für unsereins:
Eine Plastik-Robbe.
(Genau genommen ein Seelöwe.)
Marke Schleich.
5 Euro 99, höchstens.
Hart und kantig, so gar kein Kuscheltier.

Für dich:
Deine Robbe.
Gesprächspartner.
Geliebtes Geschöpf.

Überall mit dabei.
Nachts im Bett.
Tags mit am Tisch.
Unterwegs im Auto.

Auch an diesem einen Donnerstag gestern in der großen Stadt.
Mit unterwegs, deine Robbe.
Einige Momente lang vergessen.
Aus dem Buggy gerutscht (so unsere einzige Erklärung).
Beim Zurückgehen nicht mehr gefunden.
Verloren, für uns und dich.

Am Abend im Bett,
mit leerer Hand
bricht die Erkenntnis durch.
Kommen dir die Tränen.
„Meine Robbe!“, schluchzt es in dir.
Und ich spüre den Schmerz.
Tief in dir und tief in mir.
Weine mit.
Halte dich, so gut ich kann.
Bis du schläfst.

So muss Gott weinen über das Verlorene.
Bevor er losgeht und es wiederfindet, im Gleichnis.
Das Leben ist kein Gleichnis.
Im Moment jedenfalls nicht.
Für uns bleibt sie verloren, deine Robbe.

Da hilft keine unserer fixen Ideen.
Nicht die Behauptung, es gehe ihr gut, deiner Robbe. (Tut es das?)
Nicht das andere Tier, dir in die Hand gedrückt. (Es bleibt ein anderes.)
Nicht der versprochene Ersatz aus dem Spielzeugladen. (Zu billig für dich und uns.)

Es bleibt die Hoffnung, dass selbst sie zu seiner Schöpfung gehört.
Dass auch sie nicht zu klein ist für Gott.
Deine Robbe.
Dass er deinen Schmerz spürt, und meinen.
Mit dir weint und mit mir weint.
Uns hält, so gut nur er es kann.
Wenn wir schlafen und wachen.

Und dass er losgeht eines nahen Tages.
Und sie wiederfindet.
Mit allem anderen, was uns wichtig war und ist.
Und dich und mich.

Überraschende Wendungen

21. Juli 2016

… wie hatte ich das vermisst!